Sind Multipotentialites die Zukunft?

Wenn ich über Multipotentialites Artikel lese, kommt da häufig drin vor, dass sie doch eigentlich die Zukunft sind. Sie haben durch ihr vielfältiges Interesse doch so ein breites Wissen, dass sie leicht auf kreative Lösungen kommen. Zusammen mit Spezialisten, die dann wirklich tiefes Know-How haben, ergeben sie dann an Dreamteam. Klingt toll, oder? Und dann taucht in diesen Artikeln auch immer wieder der Begriff „Generalist:in“ auf.

Da stelle ich mir zwei Fragen:

  1. Wenn Multipotentialites die Zukunft sind, warum ändern sich Stellenausschreibungen dann nicht?
  2. Bin ich eine Generalistin?

Wir sind die Zukunft, aber ich fühle mich nicht willkommen…

Mein Problem mit den Stellenausschreibungen: teilweise steht da, der Lebenslauf soll nicht länger als 2 Seiten sein! Und da frage ich mich, wie das gehen soll. Nicht nur als Multipotentialite, sondern einfach als Beraterin, machen mich die Projekte aus und nicht die Jobs an sich. Die einzelnen Anstellungen sagen nämlich relativ wenig über mich aus. In den Projekten kann man aber ablesen, was ich wirklich gemacht habe. Habe ich eine Abteilung gecoacht? Einzelne Teams? Ging es um Endnutzerkommunikation? Oder um ein Change Projekt rund um einen IT-Dienstleisterwechsel? Ihr seht, die Projekte waren für mich sehr vielseitig. Meine Rolle war in den ganzen elf Jahren immer etwas anders. Und da frage ich mich, wie Unternehmen all das über mich erfahren wollen, wenn ich die Projekte doch eigentlich gar nicht erwähnen soll…

Außerdem wird am Ende immer nach der für die Stelle relevanten Erfahrung gesucht. Bei mir wird dann meine Erfahrung als Software Beraterin ausgeklammert. Wieso? Mir hilft dieses Know-How immer wieder, eine Vertrauensbasis zu Menschen mit IT-Background aufzubauen. Also, ich soll breites Wissen haben, aber es wird ignoriert. Wollen Unternehmen also wirklich Generalisten?

Bin ich eine Generalistin?

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Wenn ich Generalist:in höre, muss ich an eine Person denken, die irgendwie von vielem ein bisschen weiß, aber nichts so richtig. Und so würde ich mich aber nicht bezeichnen. Sicher gibt es Themen von denen ich keine Ahnung in der Tiefe habe. Aber generell ist es eher so: ich finde etwas interessant und möchte alles darüber lernen. So habe ich Wirtschaftsinformatik studiert und fand IT so toll, dass ich 3,5 Jahre Software Beraterin war. Dann wollte ich Organisationsentwicklung machen und habe eine Weiterbildung dazu gemacht. Ich habe mich in viele Themen rundherum eingelesen und mich viel mit Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung und Führungstheorien beschäftigt. Und zuguterletzt war immer öfter Agilität das Ziel von Veränderungsvorhaben, sodass ich mich auf dieses Thema fokussiert habe. Das endete in vielen Trainings und Zertifizierungen zu agilen Frameworks.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn ich etwas spannend finde, hänge ich mich rein und will alles wissen. Ich will Spezialistin werden. Oder darf ich mich erst so nennen, wenn ich das 20 Jahre mache? Also, bin ich vielleicht nicht die perfekte Spezialistin mit langjähriger Erfahrung, aber ich würde schon behaupten, dass ich Ahnung habe.

Ich fühle mich also nicht als Generalistin. Ich fühle mich wie jemand, der in unterschiedlichen Bereichen tieferes Know-How hat.Wenn jetzt Unternehmen das gleiche Bild von Generalist:innen hat wie ich, ist das natürlich nicht so gut für Personen wie mich. Wer will jemanden, der alles so ein bisschen kann, aber nichts richtig?

Und wenn ich ehrlich bin, geht es sowieso eher um Könnerschaft als um Wissen. Um etwas zu können, muss ich es nicht studiert haben… Da frage ich mich ja auch, warum man bei Senior Stellen noch sein Uni-Zeugnis anhängen soll?! Und da sind wir wieder beim Lebenslauf: meine Projekte zeigen, was ich KANN. Meine Jobs sagen relativ wenig darüber aus.

Die Moral von der Geschicht‘

Solange sich die Haltung bei Unternehmen nicht ändert, könnte es schwierig für uns Multipotentialites bleiben. Und diese Haltung finde ich übrigens bei Konzernen als auch bei jungen Startups. Wir sind halt alle geprägt von unserer Umwelt…

Denk‘ dir einfach: „Wir werden vielleicht nie so viel wie Spezialisten verdienen, dafür werden wir nie lange arbeitslos sein“. Ich nehme das aktuell gerne hin. Mir muss der Job Spaß machen, das kann kein Geld der Welt ausgleichen. Diese Entscheidung musst du natürlich auch für dich selbst treffen.

Und was hält uns davon ab, parallel unterschiedliche Projekte anzufangen? Sieh‘ deinen Hauptjob einfach als Projekt an. So wie ich mich nun nebenher auch als Bloggerin versuche 🙂

Und vielleicht hilft beim Umdenken auch das neue soziale Netzwerk Polywork. Da ist wichtig, was du machst, und nicht was dein Lebenslauf sagt.

PS: Nicht jeder Multipotentialite ist ja gleich, deswegen darf es auch andere Sichtweisen geben. Schreib‘ mir gerne, wenn das bei dir anders ist.

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