Frauen können nicht einparken. Männer sind nicht einfühlsam.

Ich wurde gebeten, eine Fortsetzung zu Jungs spielen Fußball. Mädchen tanzen. zu schreiben, der nochmal etwas genauer die Stereotypen zu Frauen und Männern beleuchtet. Da saß ich nun also heute da und habe ein bisschen nachgeforscht. Mein Anspruch ist ja nämlich nicht nur meine Meinung kundzutun, sondern dass das ganze auch „Hand und Fuß“ hat.

Meine erste Erkenntnis: es ist wirklich schwer, etwas wissenschaftlich Fundiertes zu finden. Viele werfen sich gegenseitig vor, die Studien nur einseitig zu bewerten, sodass die Ergebnisse nicht wirklich belastbar sind. Es scheint oft, als wolle man unbedingt, die eigenen Vorurteile bestätigen und mit dieser Brille schaut man die Ergebnisse an. (Übrigens: mehr zu diesem Phänomen findest du unter Gender Bias. Oder etwas allgemeiner: Confirmation Bias)

Zweite Erkenntnis: eigentlich ist bis heute nicht klar und wieviel genetisch bedingt, wieviel eher durch Kultur, Sozialisation, Erziehung usw. antrainiert wurde. Es läuft eher darauf hinaus, dass es individuelle Unterschiede zwischen Menschen gibt, aber nicht unbedingt zwischen den Geschlechtern. Und wenn es Unterschiede gibt, hängen diese oft eher am Selbstbild der jeweiligen Person. Aber nun mal ganz konkret:

Frauen können nicht einparken

Dieses Klischee hält sich tatsächlich hartnäckig, oder zumindest abgeschwächt in der Form: Männer können das einfach besser. Glaubt man diesem Zeitungsartikel aus derFreitag („Frauen parken besser ein als Männer“), so ergibt eine Auswertung eines Parkplatzbetreibers aus Groß-Brittanien:
  • Frauen finden schneller eine Parklücke. Hypothese: Männer fahren hektischer umher und übersehen daher die Lücken
  • Frauen parken genauer ein und brauchen daher länger
  • Männer kommen in der Parklücke schneller zum Stehen
  • Männer brauchen im Nachhinein eher Korrekturen

Ebenfalls wird im Artikel eine Studie der Uni Bochum zitiert. Auch hier kam man zum Ergebnis, dass Männer schneller Einparken. Interessant ist: die Forscher sehen einen Zusammenhang zwischen der Selbsteinschätzung bzgl. Einparken und dem tatsächlichen Resultat. Also, schätze ich mich schlechter ein, bin ich auch tatsächlich schlechter. Und in diese Falle tappen wohl eher Frauen.

Ein anderer wichtiger Aspekt (Quelle: dasgehirn.info: Können Frauen schlechter räumlich denken als Männer?): räumliches Vorstellungsvermögen ist eine Voraussetzung für möglichst gutes Einparken. Dieses wird in drei Grundfähigkeiten unterteilt: räumliche Wahrnehmung, räumliche Visualisierung und mentales Rotieren. Bei den ersten beiden schneiden Frauen und Männer gleich gut ab. Beim letzten, also wie gut man einen Gegenstand im Geiste drehen kann, schneiden Frauen deutlich schlechter ab. Hier bringen manche das Argument, dass das an der Evolution liegt und der Mann halt als Jäger sich besser orientieren musste. Dagegen spricht aber laut meiner Quelle, dass sich diese Fähigkeit leicht trainieren lässt. Außerdem haben Mädchen, die das als Kind geübt haben, später keine Nachteile gegenüber Männern.

Fazit: dieses Klische kann man eher als unwahr einordnen. Das Gehirn ist für seine Flexibilität bekannt, es muss nur wie ein Muskel richtig trainiert werden. Zum untrainierten Gehirn kommen noch verzerrte Selbstbilder, was dann in Kombination zu diesem Klischee führt. Damit wir das langfristig ändern, sollten Eltern insbesondere die Mädchen dazu ermuntern und fördern, ihr räumliches Vorstellungsvermögen etwa mithilfe von entsprechendem Spielzeug zu verbessern. Gleichzeitig ist es wichtig, ein positives Selbstbild zu stärken (bei allen Kindern!). Und wenn frau dann schon erwachsen ist, kann sie auch später noch manches durch viel Übung wieder aufholen.

Männer sind nicht einfühlsam

Dazu habe ich leider nicht wirklich etwas Wissenschaftliches gefunden. Nur allerhand Beziehungsratgeber 😉 Daher hier nun eher meine eigenen Hypothesen.

Wenn ich also das zusammennehme, was ich in der Reportage gesehen und sonst so gelesen habe, liegt für mich die Vermutung nahe, dass das auch wieder eher was Anerzogenes ist. Hört man nicht allzu oft Sprichwörter wie „der Indianer kennt keinen Schmerz“. Oder ist Weinen für Jungs nicht sogar peinlich? Diese Frage wird auch in der Reportage so ähnlich gestellt: Mädchen dürfen weinen, Jungs nicht. Jungs laufen doch dann eher Gefahr, als Mädchen tituliert zu werden.

Wenn also ein Junge damit aufwächst, wie soll also Emotionalität positiv besetzt sein? Sicher darf man nicht vergessen, dass irgendwann Testosteron ins Spiel kommt, was eher Aggressivität als Kooperation fördert, aber sicher kann man nicht alles damit erklären. Am Ende des Tages können wir alle bewusste Entscheidungen treffen. Die Frage ist nur, welchen Lösungsraum wir zur Verfügung haben. Und dieser wird maßgeblich von den Eltern und ihrer Erziehung, der Kultur und dem ganzen Umfeld in jungen Jahren mitgeprägt.

Auch hier gilt: am besten wirkt man dem entgegen, wenn sich schon in der Erziehung etwas ändert. Durch viel Übung kann  diese vermeintliche Schwäche aber auch im Erwachsenalter noch angegangen werden. Männer können das auch mit Übung lernen.

Braucht es also diese Unterscheidung in Mann und Frau?

Ein spannender Artikel ist auf Spektrum.de: „Kleiner Unterschied, große Ähnlichkeit“. Im Artikel wird mehrfach darauf verwiesen, dass, wie ich schon eingangs erwähnte, schwierig ist nachzuweisen, woher die Unterschiede kommen. Und häufig sind diese Unterschiede auch wirklich marginal, sodass sie in der Praxis eigentlich keinen Unterschied machen (sollten). Besonders spannend fand ich dabei die Aussage, dass „bei ihren Leistungen in der mentalen Rotation oder in der sprachlichen Kreativität unterscheiden sich zwei Männer oft stärker voneinander als der Durchschnittsmann von der Durchschnittsfrau“. Spannend, oder?

Die viel zitierten Unterschiede in den Gehirnen bestätigt der Artikel nicht. So kann ein Wissenschaftler wohl nicht erkennen, ob ein Gehirn einem Mann oder einer Frau gehört. Weiter wird darauf verwiesen, dass die Hirnentwicklung erst bei jungen Erwachsenen abschlossen ist (und sogar noch darüber hinaus geht: siehe Neuroplastizität). Vieles scheint also eher anerzogen als angeboren, wobei man vielleicht nie nachweisen kann zu welchen Teilen.

Wenn man das nun alles weiß, wirft der Artikel zurecht die Frage auf: braucht es diese binäre Unterscheidung in Mann und Frau? Wenn die Differenzen am Ende rein biologisch gar nicht so groß sind, sondern sie eher in unseren Köpfen konstruiert wurden, was soll das dann noch? Wer sich mehr damit beschäftigen mag, kann die Forschungsarbeit von Nicola Döring anschauen: Zur Operationalisierung von Geschlecht im Fragebogen: Probleme und Lösungsansätze aus Sicht von Mess-, Umfrage-, Gender- und Queer-Theorie.

Was denkst du dazu? Deine Meinung interessiert mich sehr!

PS: Welche weiteren Konsequenzen diese Bilder in unseren Köpfen haben, kannst in folgendem Artikel nachlesen: “Das kann Frau doch eh nicht” oder: der Gender Bias

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