„Die Zahlen sind eindeutig: ich habe Recht“ – der Confirmation Bias

Du kennst das vielleicht: du schaust mit einer/m Kolleg:in eine Statistik an und ihr seid beide überzeugt, dass sie eure Thesen bestätigen, obwohl diese gegensätzlich sind. In einer weiteren Recherche findet ihr beide weitere „Beweise“, dass ihr Recht habt. Eure Perspektive zu wechseln, fällt euch beiden schwer…  Wie kommt das? Wie lässt sich so eine Situation erklären? Vielleicht liegt hier wieder mal eine psychologische Verzerrung vor: der Confirmation Bias (dt. Bestätigungsfehler).

Der Confirmation Bias – was ist das? Und warum passiert das?

Der Confirmation Bias ist, einfach gesagt, die Tendenz, nur Informationen (Statistiken, Artikel usw.) zu sehen, die die eigene Meinung bestätigen. Gegenteilige Informationen werden weniger beachtet oder gar komplett ignoriert. Ebenso kann es passieren, dass man Daten so auslegt, dass sie zu den eigenen Annahmen passen. Übertrieben gesagt: du siehst nur das, was dir gefällt. Alles andere willst du nicht wahrhaben und verdrängst es. Dieser Effekt wird auch noch dadurch verstärkt, dass in sozialen Netzwerken bevorzugt Beiträge angezeigt werden, die uns vermutlich „gefallen“ werden. Schnell bekommen wir den Eindruck, dass unsere Meinung allgemeingültig ist. Wir befinden uns in einer sogenannten „Filterblase“.

Der Confirmation Bias sorgt in der Folge auch dafür, dass es uns schwerfällt, ernsthaft objektiv zu sein. Das Schwierige dabei ist, dass wir in der Regel zu 100% davon überzeugt sind, dass wir eben genau das sind. Wie bei den anderen psychologischen Verzerrungen gilt, dass wir das meistens unbewusst machen. Vielleicht fragst du dich nun, warum uns das passiert. Mögliche Erklärungen, die ich gefunden habe:

  • Informationen, die uns gefallen, lassen sich schlichtweg leichter und schneller verarbeiten. Kritisches Hinterfragen würde Zeit kosten, aber unser Gehirn liebt Effizienz.
  • Wir fühlen uns mit Informationen wohler, die unser Glaubenssätze und Annahmen bestätigen. Wir wollen also unser Selbstwertgefühl beschützen, was gegenteilige Informationen angreifen würden.
  • Widersprüchliche Glaubenssätze lösen einen inneren Konflikt und negative Gefühle aus. Um diesem aus dem Weg zu gehen, sind wir sehr anfällig für den Confirmation Bias.

Weiterführende Infos findest du in diesem Artikel: Noor, I. (2020, June 10). Confirmation Bias. Simply Psychology. Und es gibt auch ein tolles Video darüber: Sprouts Deutschland: Zwei Männer und der Confirmation Bias (Bestätigungsfehler).

Konsequenzen vom Confirmation Bias

Die Folgen vom Confirmation Bias liegen auf der Hand: unsere Glaubenssätze sind verfestigt und wir werden immer verschlossener gegenüber anderen Meinungen. So können sich schnell die Fronten verhärten, da jede Seite für sich glaubt, im Recht zu sein. Unser Weltbild aber bestimmt auch, welche Entscheidungsoptionen für uns offen sind.  Und unserer Entscheidungen machen wiederum unser Verhalten aus und damit hat es auch direkt Auswirkungen auf unsere Mitmenschen. (Wie Annahmen und Verhalten Auswirkungen auf das Selbstbild und Verhalten Mitmenschen haben und daraus ein Teufelskreis entstehen kann, kannst du beim Pygmalion Effekt nachlesen.)

Geben wir dem Confirmation Bias nach, werden wir uns auch lieber mit Menschen umgeben, die die gleiche Meinung haben. Menschen mit anderer Meinung meiden wir lieber, um diesem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Im beruflichen Kontext kann das bedeuten, dass Menschen bei Einstellungen und im Arbeitsalltag diskriminiert werden, die nicht in unser Weltbild passen. Es lässt sich natürlich leichter mit jemandem arbeiten, der/die gleicher Meinung ist. Abgesehen davon, dass Diskriminierung nicht in Ordnung ist, hat das auch langfristige Folgen. Meiner Meinung nach kann Innovation nur aus konstruktivem Diskurs entstehen, wofür es Menschen braucht, die nicht immer einer Meinung sind.

Was kann ich dagegen tun?

Da vieles hierbei unbewusst passiert, merken wir das manchmal vermutlich gar nicht. Deswegen müssen wir proaktiv dagegen arbeiten, dass wir in diese Falle tappen. Was wir also tun können:

  • immer die Quellen überprüfen, von den wir unsere Informationen beziehen
  • am besten viele unterschiedliche Quellen nutzen
  • Artikel lesen, die ein Thema differenziert betrachten
  • mit Menschen mit anderer Meinung unterhalten und offen für eine neue Perspektive sein
  • unseren Horizont erweitern und sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen

Ja, ich weiß, dass das Zeit und Mühe kostet. Aber anders geht das nicht. Und ich denke, dass wir es uns und anderen schuldig sind, uns mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Bei komplexen Fragestellungen gibt es häufig auch kein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“. Zu einer angemessenen Antwort kann man nur im gleichberechtigten und offenen Austausch unterschiedlicher Positionen kommen.

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